"What a Wonderful World": Möchte der junge Mann vielleicht eine Scheibe Fleischwurst?

 Beitrag von Andreas Seifert

Wie sehr habe ich als Kind den Klang dieser Worte geliebt. Jeden Freitagnachmittag nahm meine Mutter mich – ich mag damals drei oder vier Jahre alt gewesen sein – mit zum Metzger im Ort für die wöchentlichen Wursteinkäufe. Vielleicht bilde ich mir das heute bloß ein, aber ich glaube damals schon beim Aufstehen gespürt zu haben, dass Freitag war. Ungeduldig erwartete ich den Weckruf meiner Mutter. Wenn ich es gar nicht mehr aushielt, krabbelte ich bereits vorher ins elterliche Bett. Hastig zog ich mich an, freitags schaffte ich das seltsamerweise immer ganz alleine. Unruhig rutschte ich beim Frühstück auf meinem Stühlchen hin und her. Und dann war es endlich so weit.

„Ich gehe einkaufen, Andreas. Möchtest du mitkommen?“ Blöde Frage, natürlich wollte ich. Und natürlich wusste meine Mutter das. Der Fußmarsch durchs Dorf dauerte etwa 20 Minuten und führte immer an der Hauptstraße entlang. Ich genoss jede einzelne davon. Unablässig plapperte ich vor mich hin. Meine Mutter lauschte meinen teils verständlichen, teils unergründlichen Äußerungen. Endlich kam der Metzger in Sicht.

Manchmal mussten wir draußen auf der Straße warten, weil die Schlange der Kunden so lange war. Doch sobald sich die Schiebetür zur Fleischerei für uns öffnete, schlug uns der würzige Geruch von Fleisch und Wurstwaren entgegen. Wir reihten uns hinten in der Schlange ein. Und während meine Mutter die Liste der Einkäufe im Kopf durchging, wartete ich ungeduldig auf die eine entscheidende Frage: „Möchte der junge Mann eine Scheibe Fleischwurst?“

In froher Erwartung trat ich von einem Bein aufs andere. Unendlich langsam schrumpfte die Schlange der Wartenden vor uns. Und ebenso unendlich langsam schien die Verkäuferin den Wünschen meiner Mutter nachzukommen. „Darf es sonst noch etwas sein?“ „Nein, danke. Das wär für heute alles.“ Dann war es so weit. „Das macht dann 17 Mark und 80, bitte.“ Während die Verkäuferin das Geld entgegennahm, wandte sie ihre Aufmerksamkeit endlich mir zu. Sie drückte mir die Einkäufe in die Hand und fragte: „Möchte der junge Mann vielleicht ein Scheibe Fleischwurst?“

Ich strahlte bis über beide Ohren und nickte. Dann nahm ich die Scheibe Fleischwurst entgegen. Ich piddelte die leuchtendrote Pelle ab und begann genüsslich zu kauen. In wenigen Sekunden war die Scheibe Fleischwurst verschwunden. Aber den ganzen Rückweg zehrte ich noch davon. Zu Hause angekommen, verstaute meine Mutter die Einkäufe im Kühlschrank. Ich aß gerne Wurst. Aber am liebsten aß ich die eine Scheibe, die mir die Metzgerin jeden Freitag in die Hand drückte. Den ganzen Tag über war ich selig. Und am Abend ging ich ins Bett, voller Vorfreude auf den nächsten Freitag.

Jahre später durfte ich zum ersten Mal alleine ins Dorf, um beim Metzger die wöchentlichen Wursteinkäufe zu tätigen. Eigentlich war alles wie immer. Ich lief an der Hauptstraße entlang. Ich betrat die Metzgerei. Ich stellte mich in der Schlange an. Ich nahm die Einkäufe aus der Hand der Metzgerin entgegen. Dann, einen schrecklichen Augenblick lang, dachte ich, sie würde nicht fragen. Aber sie lächelte schon: „Möchte der junge Mann vielleicht eine Scheibe Fleischwurst?“ Auf einmal war ich wieder drei Jahre alt. Ich nickte, nahm die Fleischwurst entgegen, piddelte die Pelle ab und steckte die Wurst in meinen Mund. In wenigen Sekunden war die Scheibe verschwunden. Aber den ganzen Heimweg über zehrte ich noch davon. Und abends freute mich auf den nächsten Freitag.

Es ist lange her, dass ich die Metzgerei betreten habe. Aber ich erinnere mich noch heute gerne an dieses Kindheitserlebnis und wünsche jedem Kind auf dieser Welt einen Metzger zum Freund.

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